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Meier, Helen. Kleine Beweise der Freundschaft : Geschichten und Texte. - Zürich : Xanthippe, 2014.
(ISBN 978-3-905795-32-5)

Ein guter Tag hat hundert Punkte - zu Helen Meiers Altersprosa

In den mittleren Achtzigerjahren haben wir gelernt, Erzählungen Helen Meiers zu lesen. Auf den schöngemachten Débutband „Trockenwiese“ (23 Texte) sind, mit Jahresabstand, „13 neue Geschichten“ erschienen – bald nachgeliefert als Ex-Libris-Ausgabe zwischen festen Leinendeckeln aus der Bundesrepublik.

In beiden Büchern unvergleichlich dichte, gedrängte, knorrige Geschichten, öfters in beinah undurchdringlicher Satzbaukunst. Erzählungen wie Gestrüpp!

Und so war die Prosa, wann Helen Meier sie vorlas, auch zu hören: struppig, schroff, widerborstig.

Man hat sie darum bewundert. Venit, legit, vicit. Eines der vielen Zeugnisse ehrfürchtiger Rezeption hat per 1991 Daniel de Vin verfasst, Professor an der Katholieke Universiteit Brussel.

Er reiht das mehr als zwanzig Seiten breite Meier-Porträt in die Serie seiner Begegnungen mit Bichsel, Frisch, Hanna Johansen, Nizon, Pedretti und Otto F. Walter. Wahrlich eine ehrenwerte Gesellschaft.

Mit und ohne Titel Seither sind nahezu dreissig Jahre vergangen, ein Jahrhundertviertel, ein Lebensdrittel. Wieder kann man Prosa Helen Meiers lesen, bei Xanthippe in Zürich verlegt: 22 „Geschichten“ genannte Geschichten, 35 „Texte“ geheissene Texte. Dem Vernehmen nach verantwortet Charles Linsmayer die Zusammenstellung, die Auswahl, die Reihenfolge. Übers Bücher-Lesen i. A. (im Allgemeinen) sind wir noch genauer im Bild als zur Zeit von Meiers erstem Auftritt, anlässlich ihres Sieges übers traditionelle Erzählen, folglich unseres frühen Aufsehens. In der Herbst-Vorschau des (wie seinerzeit Amman in Zürich) unbedingt verdienstvollen Residenz Verlages, jetzt St. Pölten, ist – denkbar plakativ – die Frage gestellt nach dem, was ein guter Tag sei. Gut sei er, wofern er und weil er unsere Erde wenig koste. Heizen am Wintertag: 27 Punkte. Ein paar Luxuskilometer im SUV: 53 Punkte. Schnittblumen aus Holland: 43 Punkte. Eine Portion Bergkäse: 15 Punkte. Es braucht, die hundert Punkte nicht zu überziehen, recht ordentlich Disziplin.

Thomas Webers Katalog Und was kostet eine Tasse Kaffee? Ein Apfel aus dem Inland? Ein Buch zu lesen? 0.8 Punkte / 0.3 Punkte / 0 Punkte. Bücher lesen, Karten spielen, Sonnenuntergänge geniessen – ein jedes kostet, gemäss Thomas Weber, null Punkte. Sein Weltverbesserungs-Buch erscheint im Oktober dieses Jahres (978 3 7017 3342 2). Über die Herstellung und Beschaffung eines Druckmediums: kein Wort. Das ist nicht Webers Thema. Aber täglich zu lesen ist empfohlen. Helen Meiers 180 Seiten mit neuerer Prosa liegen vor. Die wenigsten Texte imponieren. Vom einen zum anderen kein Zusammenhang. Mehreres riecht nach Schublade resp. Speicher, mutet zufällig-zugefallen an, als nicht verpasste Gelegenheit, als Notat „aus gegebenem Anlass“. Aber Helen Meiers Bücher sind ja vorhanden. Wem nicht an der Vollständigkeit ihres schriftstellerischen Oeuvres liegt, dem/der seien ihre frühen Titel empfohlen, nebst den oben genannten die Geschichtenbände „Haus am See“ (1987), „Nachtbuch“ (1992), „Letzte Warnung“ (1996). Zu Webers Behauptung, ein Buch zu lesen koste, weltökologisch, nichts, stelle ich, ebenfalls gratis, die These, Schöne Literatur zu lesen bereichere den Tag, komplettiere, ja vervollkommne ihn.

Rainer Stöckli, Gemeindebibliothek Reute

 

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